Sechs neue Stolpersteine in Bürstadt verlegt
von Burkhard Vetter
Der Kölner Bildhauer Gunter Demnig hatte 1993 die Idee entwickelt, den Verfolgten der Nazi-Diktatur mit „Stolpersteinen“, über die Bürger „stolpern“ sollen, ein kleines Denkmal zu setzen. Demnig verlegte am 25. Juni 2013 in Bürstadts Innenstadt die ersten neun Steine auf den Bürgersteigen vor den Häusern in der Mainstraße 22, der Nibelungenstraße 53, der Luisenstraße 7 und der St. Michaelstraße 1. Im November 2014 folgten weitere sieben und im Februar 2022 vier Steine. Ihre Oberflächen tragen die Namen der Opfer, das Geburtsjahr und zusätzliche Angaben zu ihrem persönlichen Schicksal. Nun fand eine weitere Verlegung von sechs Stolpersteinen statt. Historische Daten belegen, dass im Jahr 1925 in Bürstadt 38 jüdische Mitbürger lebten.
In Vertretung für Gunter Demnig, der erkrankt ist, war dessen Assistent Frank-Matthias Mann nach Bürstadt gekommen. Er verlegte die ersten beiden von insgesamt sechs Steinen für Moritz und Therese Koch geb. Heinsfurter vor dem Haus in der Dammstraße 15. Burkhard Vetter und dessen Mitstreiter von der Arbeitsgruppe „Jüdisches Leben“, die zum Verein für Heimatgeschichte mit Michael Molitor zählen, hatten herausgefunden, dass Moritz Koch und seine Frau Therese 1919 nach Bürstadt gekommen waren. Die Familie hatte drei Kinder und wohnte zuletzt in der Dammstraße 15 bei Familie Hohmaier.
Nach dem Tod ihres Ehemannes emigrierte Therese Koch 1937 in die USA, wo sie 1952 mit 72 Jahren verstarb. Bei der Verlegung des Steines für seine Urgroßeltern hielt Ricardo Munster eine kurze Rede. Er bedankte sich dafür, dass die beiden Steine nicht nur die Namen seiner Urgroßeltern zurück auf die Straßen von Bürstadt bringen, sondern dass dadurch auch das Bekenntnis zu ihrer Erinnerung bekräftigt wird: „Ich danke ihnen allen sehr, dass sie meine Großeltern wieder willkommen heißen!“ Die Zeremonie wurde, wie auch an den weiteren vier Stationen, musikalisch von Reinhold Pleil an der Gitarre und Hans Jürgen Lösch an der Posaune begleitet, die der Musik-Gruppe „Planet Weschnitz“ aus dem südlichen Ried angehören.
Die Verlegung aller sechs neuen Stolpersteine verfolgten neben Bürgermeister Boris Wenz, Landtagsabgeordnetem Alexander Bauer, Burkhard Vetter und Michael Molitor zahlreiche interessierte Bürgerinnen und Bürger aus Politik und Gesellschaft. An der zweiten Station im Haus Nibelungenstraße 62 lebte der Geschäftsmann Gustav Flörsheim. Er wurde 1940 in das französische Internierungslager Gurs deportiert und konnte 1941 in die USA fliehen. Der Stein soll an dessen Haushälterin Berta Baer erinnern. Nachdem das Haus verkauft war, zog Baer 1938 nach Heidelberg und wanderte 1939 nach Brasilien aus, wo sie 1968 verstarb. Direkt am Standort der ehemaligen Synagoge in der Mainstraße 22 erinnern seit dem 25. Juni 2013 beziehungsweise dem 18. November 2014 fünf Stolpersteine an das Schicksal der Familie Mehrl. Baruch Mehrl, seine Ehefrau Nina Necha und ihre Tochter Helene Rosa wurden 1942 ermordet. Hier wohnten auch Cäcilia Ida und Moses Moritz Mehrl, denen 1939 die Flucht gelang. Am Donnerstag kam ein Stein für Sohn Ferdinand hinzu. Seine Familie schickte ihn 1936 mit elf Jahren nach Frankfurt, von wo er mit einem „Kindertransport“ über Italien nach Israel ausreisen konnte. Von dort wanderte er nach Brooklyn, New York, aus, wo er bis 1989 lebte.
Für etwas Furore sorgte indes die Stolpersteinverlegung für Heinrich Ofenloch XVIII. in der Martinstraße 10. Er kam am 6. Juli 1935 wegen versuchten Totschlags an seinem Schwager in Untersuchungshaft in das Landgerichtsgefängnis Darmstadt und wurde im Dezember 1935 zu einer Haftstrafe von 2 Jahren verurteilt. Ofenloch wurde am 4. Februar zunächst in die Gefangenenanstalt Zweibrücken verlegt und wechselte von dort am 24. Juli 1936 wegen „Geisteskrankheit“ in die Psychiatrische Landes-Heil- und Pflegeanstalt „Philippshospital“ bei Goddelau. Nach seiner erneuten Verlegung nach Weilmünster wurde er am 15. Mai 1941 in die Einrichtung Hadamar überführt, die als „Tötungsanstalt“ bekannt war, wo er ermordet wurde. Er wird deshalb zu den Opfern der NS-Zeit gezählt, was nicht von allen aus unterschiedlichen Gründen gutgeheißen wird.
In der Augustinerstraße 37 lebte Christoph Weitz, der 1936 als politischer Gefangener 1933 im KZ Osthofen inhaftiert war. Das SPD- und Gewerkschaftsmitglied blieb nach seiner Freilassung politisch weiterhin engagiert und starb 1988 in Mannheim. „Wir wollen weitermachen, denn es gibt in Bürstadt noch mehr Menschen, die unter den Folgen des Terrorregimes leiden mussten“, sagte Burkhard Vetter.
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