Der Boxheimerhof
von Klaus-Dieter Grinda
Wir sehen, dass die zahlreichen Rheinschlingen in unserer Gemarkung, sogenannte Lachen, die zur Römerzeit vermutlich noch Wasser führten, die Siedlungsstellen Bürstadt beeinflussten. Der Boxheimerhof ist mit 92,4 Meter über dem Meer der höchste Punkt in der Bürstädter Gemarkung. Aus diesem Grund war er für unsere Vorfahren zum Siedeln bestens geeignet, trat doch der Rhein früher immer wieder über seine Ufer und überschwemmte die angrenzenden Gebiete.
Selbst das „Jahrhunderthochwasser“ im Jahr 1882, als der Rheindamm zwischen Lampertheim und Rosengarten brach und die Fluten bis zum Bürstädter Wald reichten, verschonte den Boxheimerhof. Andererseits waren die Altrheinarme damals sehr fischreich und boten den Menschen Nahrung.
Das Gebiet Sonneneck / Boxheimerhof war somit vermutlich die älteste Siedlungsstelle Bürstadts. Wir wissen beispielsweise von dem Ur- Bürstädter (ein 7.100 Jahre altes Skelett) und weitere Knochen eines Kindes sowie Alltagsgegenstände wie Nadeln, Beile oder Pfeilspitzen, die der brandkeramischen Kultur zugeordnet werden konnten, die im Bereich Sonneck IV im Jahre 2015 gefunden wurden. Dort stießen Archäologen auch auf eine Villa aus der Römerzeit. Auch Funde aus der Bronzezeit sind verzeichnet.
1963 entdeckte man Brandgräber aus der Urnenfelderzeit (1200 bis 800 v. Chr.) bei der Gärtnersiedlung (Hof Haller) oder dem Hof Hesse. Die Menschen der Urnenfelderkultur (Bronzezeit) gelten als Frühkelten. Bei Bau der Umgehungsstraße wurden entlang der B 47 ca. 30 Grabhügel in den Wäldern von Riedrode und Bürstadt (östlich der Grillhütte) gefunden, die der Hallstattzeit (800 bis 500 v. Chr.) zuzuordnen sind.
Um Christi Geburt gründen die Römer in Worms ein Kastell zur Verteidigung des linken Rheinufers. Das rechtsrheinische Gebiet zwischen Neckar und Main wird 69-79 n. Chr. römisch. Vermutlich entstanden der spätere Königshof zu Bürstadt und der Boxheimerhof aus einem römischen Gutshof, wie es beispielsweise beim Kloster Altenmünster zu Lorsch der Fall war. Ein größerer römischer Gutshof befindet sich um 150 n. Chr. auf dem Gebiet Sonneneck / Boxheimerhof.
Die erste urkundliche Erwähnung des Boxheimerhofs reicht vermutlich in die Gründungszeit des Klosters Lorsch zurück. In einer Schenkungsurkunde vom 23. Juli 788 („Codex Laureshamensis 173“) vermachte eine gewisse Liebedage all ihren Besitz „in birstettero marca“ an das Kloster Lorsch „und gleichfalls in Wizillai, was auch immer meine Mutter dort an Wiesen etc. völlig aufgibt“. Heute sind namhafte Historiker ziemlich sicher, dass mit dem Namen „Wizillai“ nur der Boxheimerhof gemeint sein kann. Bockisheim wird 1275 n. Chr. im Lorscher Codex genannt. Im Jahre 1275 trägt der Hof bereits den Namen "Boxheim". Der Boxheimerhof war ein ehemaliges Klostergut der Reichsabtei Lorsch.
1542: Die Familie Boxheimer wird Erbbeständer des heutigen Boxheimerhofs („Heim des Bocco“).
1812: Konrad Dahl berichtete in seiner Historisch-topographisch-statistische Beschreibung des Fürstenthums Lorsch, oder Kirchengeschichte des Oberrheingaues über das Amt Lorsch und den Marktflecken Bürstadt: …Zur Gemeinde und Pfarrei Birrstadt gehört auch der Boxheimer Hof; er liegt ½ Stunde von Birrstadt gegen Virnheim zu und ist ein altes unmittelbares Eigenthum des Klosters der nachherigen Probst und Oberschaffnerei Lorsch. Wahrscheinlich ist dieser Hof die alte Villa Wizzilin oder Wizzelai, die mit Birrstadt in einer Lorscher Urkunde vom Jahr 789 vorkömmt.«
Der Boxheimerhof hat mittlerweile 72 Bewohner, die bis auf einen Protestanten alle katholisch waren. In der Silvesternacht 1814 tritt Napoleon von Deutschen gejagt bei Lorch über den Rhein aufs linke Rheinufer. Es wird am 2. Januar 1815 von Johann Boxheimer, Heinrich Rosenberger und Bernhard Wiedemann eine Bitte zum Bau eines Kirchleins vorgetragen. Sie sollte zu Ehren des Hl. Wendelinus gebaut werden. Die Errichtung des Kirchleins sollte ein Denkmal zur Äußerung des Dankgefühls sein, dass man von den Kriegswirren verschont blieb……
Am 7. April des gleichen Jahres wurde die Genehmigung zum Bau der Kapelle unter bestimmten Auflagen erteilt. In der Schlacht bei Waterloo wird Napoleon dann am 18.06.1815 endgültig besiegt.
Fertigstellung der Wendelinus Kapelle im Jahre 1818.
Die „Statistisch-topographisch-historische Beschreibung des Großherzogthums Hessen von 1829“ berichtete über Bürstadt und die zugehörigen Höfe:
……»Boxheimer Hof (L. Bez. Heppenheim) Hof; hat 9 Häuser und 68 Einw., die bis auf 1 Reform. katholisch sind. Der Hof kam 1802 an Hessen und 1818 wurde hier ein Bethaus gebaut«
1845: Im „Neuestes und gründlichstes alphabetisches Lexicon der sämmtlichen Ortschaften der deutschen Bundesstaaten“ finden sich folgende Einträge:
»Boxheim bei Bürstadt. – Hof, zur evangel. Pfarrkirche Lampertheim gehörig. – 9 Häuser. 68 Einwohner – Großherzogthum Hessen. – Prov. Starkenburg. – Kreis Bensheim. – Landgericht Lorsch. – Hofgericht Darmstadt. – Der Hof, welcher im Jahre 1802 an Hessen gekommen ist, hat ein Betbaus.«
Ca, 1882 wird das Forsthaus, das damals direkt am Waldrand lag, und der Schießstand des 118. Infanterieregiment aus Worms (ging vom Forsthaus bis zum Schießbuckel) errichtet.
Im Jahre 1890 wurde der gesamte Komplex aus vier selbständigen Bauernhöfen als Staatsdomäne vom Großherzogtum Hessen übernommen und in der Folge bis 1927 an einen Landwirt namens Schudt verpachtet.
Leutnant Heinrich von Giess, geb. 1841 aus dem hessischen Militärdienst mit 55 Jahren pensioniert, von da an Erforscher römischer Siedlungsplätze, gräbt vom 28. August bis 23. September 1902 in Bürstadt. Reste eines römischen Bauerhofs werden am Waldrand gefunden.
Das Wasserwerk im Bürstädter Wald wird 1905 gebaut.
1923/24 wird die „Waldschänke“ (heute: Landgasthof Waldschänke) von Philipp Kohl erbaut.
1931: Die "Boxheimer Dokumente" werden in schönster Abgeschiedenheit von führenden Hessischen Nazis konzipiert mit denen Mitglieder der NSDAP versuchten, eine gewaltsame Machtübernahme im Deutschen Reich vorzubereiten. Die Veröffentlichung der Dokumente schlug in der angespannten innen- und landespolitischen Lage des Herbstes 1931 hohe Wellen. Der Pächter des Hofes, Dr. Richard Wagner, war als Gaufachberater Landwirtschaft und späterer Landesbauernführer maßgeblich bei der Schaffung von Riedrode und Rosengarten beteiligt. Dr. Werner Best, Gaufachberater Innenpolitik hat bei der Gestapo und im Reichssicherheitshauptamt in Berlin Karriere gemacht. Detaillierte Informationen zu den „Boxheimer Dokumenten“ können der „Festschrift zum 1225. Jahrestag der ersten urkundlichen Erwähnung Bürstadts“ entnommen werden. Die Originale der „Boxheimer Dokumente“ sind nicht öffentlich zugänglich und befinden sich seit Ende des Zweiten Weltkrieges in einem Moskauer Sonderarchiv.
Dr. Richard Wagner beendet 1932 die Pacht der Staatsdomäne Boxheimerhof. Ab Februar 1932 trat der Landwirt Sackreuther als Pächter auf und bewirtschaftete die Ländereien bis Februar 1955.
1942 wird die Glocke vom Kapellchen zum Einschmelzen geholt.
Am 17.08.1943 wird ein amerikanischer B-17 Bomber der 100. Bomb Group auf dem Flug nach Regensburg und Schweinfurt (Operation Double Strike) abgeschossen und stürzte in den Wald nahe dem Boxheimerhof ab. Es konnten bei Nachforschungen Wrackteile geborgen werden.
1945: 5 Artilleriegeschütze sowie leichte FLAK hat man im Frühjahr im Gebiet Sonneneck / Boxheimerhof aufgestellt. Dies belegen Luftbildaufnahmen der RAF aus 1945. In der Nahe des Hof Hesse stand eine Flakscheinwerfer Stellung.
Am 20. März 1945 3.20 Uhr wird die Wormser Rheinbrücke von Pionieren der Wehrmacht gesprengt. Amerikanische Truppen besetzten am 25. März 1945 die Kreisstadt Worms. Bürstadt, Bobstadt und Riedrode wurde von der amerikanischen Artillerie beschossen, viele Gebäude wurden beschädigt. Bürstadt wird in den frühen Morgenstunden des 26. März 1945 befreit. Um 22:00 Uhr besetzen die Amerikaner Riedrode.
Matthias Behringer übernimmt 1954 die „Waldschänke“ Rattenfänger.
1955 ging die Staatsdomäne an die Nassauische Siedlungsgesellschaft mit Sitz in Frankfurt über. Diese teilte den Boxheimerhof in vier Anwesen zu je 120 Morgen Land und verpachtete sie an heimatvertriebene Landwirte. In den folgenden Jahren übernahmen drei Landwirte die Anwesen als Eigentum. Aus dem vierten Besitz entwickelte sich südlich des Boxheimerhofes die heutige Gärtnersiedlung.
1968 Gaststätte zum Boxheimerhof unter Werner Gündling.
1969 Waldschänke unter Peter Werner.