Wir haben geweint und für die armen Leute gebetet.
Von Klaus Grinda
Wir haben geweint und für die armen Leute gebetet….
11.September 1944. Das brennende Darmstadt war sogar von hier aus zu sehen.
„Wir haben geweint und für die armen Leute gebetet, als wir vom Bürstädter Bahndamm das brennende Darmstadt gesehen hatten. Die Flammen schlugen bis in den Himmel. Es war beinahe taghell“. Immer wieder hatte meine verstorbene Großmutter dieses traumatische Erlebnis geschildert. Sie konnte es Zeit ihres Lebens nicht mehr vergessen, erzählt Klaus Grinda vom Verein für Heimatgeschichte.
Vor fast 80 Jahren, am 11. September 1944, legten 221 britische RAF Lancaster - Bomber und 13 Mosquitos die Residenz- und alte hessische Hauptstadt Darmstadt in Schutt und Asche. Der Einsatzbefehl lautete relativ einfach nur „To destroy town“.
An diesem verheerenden Tag entschied sich auch, dass nach Kriegsende Wiesbaden als hessische Hauptstadt den Vorzug vor dem völlig zerstörten Darmstadt erhielt.
Wir Bürstädter wurden ja erst mit Napoleon 1803 hessisch, vorher gehörten wir zum Kurfürstentum Mainz. Von 1568 – 1806 war die Darmstadt Sitz der Landgrafen von Hessen Darmstadt und bis 1919 Hauptstadt des Großherzogtums Hessen. Bis 1933 war sie die Hauptstadt des Volksstaates Hessen und bis 1945 des Landes. Diesen Status verlor Darmstadt infolge der schweren Kriegszerstörungen an Wiesbaden.
Grinda berichtet von dem, was seine Großmutter ihm so oft erzählte: Die Bürstädter hatten gegen 23.00 Uhr das laute Brummen der Bomber gehört und sich gefragt, welche Stadt wohl heute Nacht bombardiert werden würde. Manche liefen zum Bahndamm, der aufgrund seiner Höhe eine gute Rundumsicht bot. Der Schock der Zeugen war groß als man sah, dass das Ziel in dieser Nacht wohl Darmstadt war.
Gegen 23.25 Uhr wurde in DA Luftalarm ausgelöst, um 23.55 Uhr fielen die ersten Bomben nach der sog. „Fächermethode“, wie sie später u. a. auch in Dresden angewandt wurde. Mit dieser neuen Methode sollte das totale Ausbrennen der Innenstadt erreicht werden. Es entstand ein Feuersog mit bis zu 1.000 Grad Hitze, so dass sogar Glas schmolz. Um 0.20 Uhr war das Bombardement beendet.
Schätzungsweise 11.000 – 15.000 Tote werden vermutet, im Verhältnis zur Einwohnerzahl eine der höchsten Opferzahlen des 2. Weltkriegs überhaupt. Und das alles obwohl Darmstadt über lange Jahre ein enges Verhältnis zum englischen Königshaus hatte. Solch einen Angriff hatte daher niemand für möglich gehalten!
Wir müssen uns vorstellen, so Grinda weiter, dass Feuerwehren aus dem Umkreis – und damit auch aus Bürstadt - auf der neu gebauten Autobahn Frankfurt – Mannheim standen, jedoch nicht eingreifen konnten. Eine Koordination der Rettungsmaßnahmen war in diesem Chaos nicht möglich.
Viele Archive gingen in diesem Feuersturm unwiederbringlich verloren. Zum Beispiel die Gerichtsunterlagen zum „Bürstädter – Messerstecher Fall“. Der eigentliche Schöpfer von Riedrode, Landeskulturrat Hans Reich, starb beispielsweise bei dem Luftangriff. Etwa 66.000 Einwohner verließen nach der Zerstörung die Stadt. Wir gehen davon aus, dass auch in Bürstadt obdachlos gewordene Darmstädter bei Verwandten einquartiert wurden. Die Darmstädter Innenstadt war zu 90% zerstört. 15 Jahre dauerte die Trümmerräumung.
„A quiet trip all around with everything going according to plan” berichtete nach Rückkehr der britische Kapitän der 83. Bomberstaffel. Die Feuerbrunst war auf dem Heimflug noch 180 Meilen sichtbar.
Es gingen den Angabe gemäß 12 britische Flugzeuge verloren. Zwischen Darmstadt und Mannheim kam es zu Luftkämpfen mit deutschen Jägern und vereinzelt zu FLAK Einsatz.